Qualitätskultur in der Schweiz

Q2E – Qualität durch Evaluation und Entwicklung

Wie Schulen zwischen Verbindlichkeit, Professionalität und Entwicklung handlungsfähig bleiben.

In der Schweiz entstand Q2E (Qualität durch Evaluation und Entwicklung) vor dem Hintergrund der Frage, wie Schulen als pädagogisch eigenständige Organisationen gestärkt werden können, ohne Qualitätsentwicklung ausschließlich über externe Kontrolle oder formale Vorgaben zu organisieren. In einem interkantonalen Schulentwicklungsprojekt mit Berufsfachschulen und Gymnasien aus acht Deutschschweizer Kantonen wurde deutlich, dass Schulen Unterstützung benötigen, um Qualität vor Ort bewusst gestalten zu können.

Der Anspruch war doppelt:

  • Schulen als entwicklungsfähige pädagogische Einheiten zu stärken,
  • und ihnen konkrete Hilfsmittel für eine wirksame Qualitätsarbeit an die Hand zu geben.

Qualität an Schulen entsteht nicht durch Verordnungen oder Checklisten. Sie wächst dort, wo Menschen miteinander über Lernen ins Gespräch kommen – über das Lernen der Schülerinnen und Schüler ebenso wie über das eigene professionelle Lernen der Lehrkräfte. Schulen bewegen sich dabei ständig in einem Spannungsfeld: Sie sollen verbindlich handeln, professionell agieren und zugleich offen bleiben für Entwicklung. Q2E versteht Qualitätsarbeit als gemeinsamen Lernprozess: Schulen reflektieren ihre Praxis, tauschen Erfahrungen aus und entwickeln daraus Neues.

Auf dieser Themenseite geht es darum, wie dieser Ansatz gewachsen ist und was ihn prägt – welche Ideen hinter Q2E stehen, wie begleitete Selbstevaluation funktioniert und welche Instrumente Schulen konkret unterstützen. Im Kern steht dabei eine einfache, aber anspruchsvolle Frage:

Wie gelingt Lernen – für alle, die an Schule beteiligt sind?

Die im Folgenden vorgestellten Modelle „PUQE“ (Persönliche, unterrichtsbezogene Qualitätsentwicklung) sowie Begleitete Selbstevaluation sind vor allem als Lernanlasse zu verstehen. Beide verbindet die Idee, Qualitätsentwicklung dort stattfinden zu lassen

  • wo Unterricht beobachtbar ist,
  • wo über Unterricht gesprochen wird und
  • wo kollektive Lernprozesse möglich sind.

Damit rückt die Schule selbst ins Zentrum der Qualitätsarbeit.

Landwehr und Steiner zeigen eindrücklich in ihren Publikationen, dass sowohl institutionelle Verpflichtung als auch reine Freiwilligkeit problematische Nebenwirkungen haben können:

  • Pflichtinstrumente (z. B. Jahresgespräche) verlieren ihre Lernfunktion und werden ritualisiert.
  • Freiwillige Maßnahmen konkurrieren mit individueller Zeitnutzung und versanden häufig.
  • Widerstand gegen „verordnete Reflexion“ bindet Energie, die für Unterrichtsentwicklung gebraucht würde.

Das Ergebnis ist oft eine formale Erfüllung ohne Wirkung.

PUQE

Als Antwort auf das Spannungsfeld zwischen Verbindlichkeit und Entwicklung entstand in der Schweiz im Rahmen des Q2E-Projekts das sogenannte PUQE-Modell – die „Persönliche, unterrichtsbezogene Qualitätsentwicklung“. Dahinter steht der Gedanke, dass es in der Qualitätsarbeit weniger um das Instrument selbst (etwa das Jahresgespräch) geht, sondern um seinen Zweck: individuelle und professionelle Weiterentwicklung. Entscheidend ist also nicht, dass ein Gespräch geführt wird, sondern wozu – nämlich, um das eigene Lehren und Lernen bewusster zu gestalten.

Einen breiteren theoretischen Hintergrund liefert das Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung in Österreich.1 Dort wurde untersucht, wie sich Professionalität von Lehrpersonen international beschreiben lässt. Herausgearbeitet wurden fünf „Domänen der Professionalität“, die zeigen, was Lehrkräfte in ihrem beruflichen Alltag prägt – unabhängig von Schulart oder Fach. 

 

Diese Domänen verbinden zwei Perspektiven: Zum einen den organisationalen Rahmen, der Lernen und Lehren ermöglicht oder einschränkt, zum anderen die persönliche Entwicklung der Lehrerin oder des Lehrers als Lernende*r im Beruf. Professionelles Handeln entsteht also dort, wo beide Ebenen zusammenspielen. So kann sich ein neues Professionsbewusstsein entfalten, das Strukturen formt – und zugleich von ihnen geprägt wird. Die Verschränkung der beiden Perspektiven ist Voraussetzung für die erfolgreiche Implementierung der entwickelten Domänen – um sie als neue Denkmuster in die Praxis zu bringen. 2

Das PUQE-Modell überträgt diese Idee in die schulische Praxis. Jede Lehrkraft wählt für einen festgelegten Zeitraum – etwa zwei Jahre – eine Domäne, mit der sie sich vertieft auseinandersetzt, individuell oder im Kollegium. Was genau als Qualitätsmerkmal gilt und wie Fortschritte sichtbar werden (etwa durch Feedback oder Dokumentation), wird gemeinsam ausgehandelt – oft auch in Abstimmung mit dem Personalrat.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die Schulleitung. Studien zeigen: Schulen entwickeln sich dann wirksam, wenn ihre Leitung „nah dran“ ist – also Haltung zeigt, Orientierung gibt und pädagogische Überzeugungen im Alltag lebendig hält. Die folgende Tabelle weist vier Eigenschaften aus3:

 

Die Haltung der Schulleitung wird immer dann deutlich sichtbar, wenn sie sich im Rahmen des jeweiligen Schulkontexts handlungsleitenden, pädagogischen Grundüberzeugungen verpflichtet fühlt. Diese sind dadurch gekennzeichnet, dass sie

  • am und zum Kind/Jugendlichen orientiert sind,
  • bei der Personalauswahl mitentscheidend sind,
  • die Bedürfnisse aller berücksichtigen und
  • sich in der beständigen Weiterentwicklung der Schule widerspiegeln.

Sie zeigen, wie nah die Schulleitungen am bzw. hinter dem jeweiligen Schulprogramm bzw. den Schulkonzepten stehen, was sie jederzeit selbstbewusst, klar und deutlich vertreten. (…) Die Schulleiter/innen sehen sich auch dafür verantwortlich, die wünschenswerte Qualität der Schule zu gewährleisten. Hierzu gehören Überprüfungen und Diskussionen des pädagogischen Konzepts und dessen Inhalte sowohl intern mit dem Kollegium, Eltern, Schüler/innen und weiteren Personen, die in unterschiedlicher Funktion in der Schule tätig sind, als auch mit externen Expert/innen, die beispielsweise Vorträge oder Workshops bei schulinternen Fortbildungen halten oder wissenschaftliche Untersuchungen durchführen.

Ein inspirierendes Beispiel für diese Denkrichtung findet sich übrigens erneut in Österreich: Im Podcast „Jöran ruft an …“ berichtet Alicia Bankhofer von einer pädagogischen Konferenz, die ganz anders gedacht ist – als Lernprozess, an dem das Kollegium gemeinsam wächst. Eine sehens- und hörenswerte Ergänzung zum PUQE-Gedanken.

Begleitete Selbstevaluation

Peter Steiner und Norbert Landwehr haben sich gefragt, warum viele schulinterne Evaluationen trotz guter Absichten ins Stocken geraten oder gar scheitern. Ihre Antwort entstand aus langjähriger Praxiserfahrung: Oft ist der Aufwand zu groß, die Zielsetzung zu unklar oder die Beteiligung zu gering. Aus dieser Analyse heraus entwickelten sie die Idee einer Evaluation, die niederschwelliger, wirksamer und lernorientierter funktioniert – der begleiteten Selbstevaluation.4

Hintergrund dieser Überlegung war die Suche nach einem Format, das die Stärken von Selbst- und Fremdevaluation verbindet. Schulen sollten befähigt werden, ihre Qualität selbst in den Blick zu nehmen, dabei aber durch externe Fachpersonen gezielt unterstützt werden. So entstand ein Verfahren, das mittlerweile in vielen Schulen erprobt und erfolgreich umgesetzt wurde.

Zentrale Merkmale dieser begleiteten Selbstevaluation sind:

  • ein klarer, überschaubarer Zeitrahmen,
  • ein schulinternes Evaluationsteam, das Verantwortung übernimmt,
  • Evaluation als sichtbares, gemeinsames Ereignis,
  • die Kombination quantitativer und qualitativer Daten,
  • eine datengestützte Reflexion im Kollegium
  • sowie die kontinuierliche Begleitung durch fachkundige Externe.

Diese Form der Evaluation stärkt Schulen doppelt: Sie fördert die Kompetenz, interne Evaluationsprozesse eigenständig zu gestalten, und treibt gleichzeitig die schulische Qualitätsentwicklung voran. Neben der Grundform sind drei Varianten besonders verbreitet:

  • Partnerschul-Peer-Review,
  • fragebogenbasierte Selbstevaluation und
  • extern geleitete Selbstevaluation (früher Critical-Friend-Approach).

Wer sich vertiefend mit dem Ansatz beschäftigen möchte, findet in den Publikationen von Landwehr und Steiner (Begleitete Selbstevaluation – Ein neuer Weg zur wirksamen Qualitätsdiagnose an Schulen) sowie im Onlineauftritt der Fachhochschule Nordwestschweiz praxisnahe Materialien, Erfahrungsberichte und Werkzeuge für Schulen. Gemeinsam zeigen sie, wie Evaluation von einer mühsamen Pflicht zu einem echten Lernanlass werden kann.

Wie lassen sich Qualitätsmerkmale von Schulen wirksam messen? Wie kann an Schulen nachhaltig für eine positive Entwicklung gesorgt werden, die sich auf eine vorangehende Bestandsaufnahme abstützt? «Begleitete Selbstevaluation» beschreibt ein Handlungsmodell für die Gestaltung von schulinternen Evaluationen. Das innovative Format vereint die Vorteile von Selbst- und Fremdevaluationen auf einzigartige Weise: Die aktive Mitbeteiligung der Schule am Evaluationsprozess und die Begleitung durch eine externe Fachperson sind die erfolgsversprechenden Merkmale des Modells. Die Publikation richtet sich an Schulleitungen, Leiterinnen und Leiter von Qualitätsgruppen, Verantwortliche für Evaluationsprojekte sowie Begleitpersonen von Schulentwicklungsprojekten, die das Spannungsfeld zwischen Ist und Soll als tragfähige Entwicklungsimpulse nutzen möchten.

Begleitender Onlineauftritt zum Buch, mit Übersicht und Erfahrungberichten

Unterstützungssysteme

Kanton Zürich

  • Das Projekt Smarte Schulen II (SMASCH II), geleitet von der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH), erforscht, wie Digitalisierungskonzepte für Schulen nachhaltig gestaltet werden können. Es untersucht, wie KI-gestützte Plattformen die Schulentwicklung unterstützen können, und entwickelt Modelle und Werkzeuge, die in verschiedenen europäischen Ländern getestet werden.
  • Das Projekt „Luuise“ (Lernen sichtbar machen) hat gezeigt, wie Lehrpersonen durch Selbstevaluation ihren Unterricht verbessern können. Es hat sich als effektives Werkzeug zur Förderung von Reflexion und Unterrichtsentwicklung erwiesen. Und es hat sich gezeigt, dass Schüler:innen durch regelmäßiges Feedback an Lehrpersonen aktiver in den Lernprozess eingebunden werden. Dies stärkt nicht nur ihre fachlichen Kompetenzen, sondern auch ihr Selbstbewusstsein. 5
  • 9-Schritt-Methode

Kanton Basel-Stadt

Das Programm Schulentwicklungsprojekte fokussiert auf die Unterrichtsentwicklung. Als Ausgangsfrage stehen konkrete Herausforderungen, wie sie sich in den Schulen permanent
stellen. So ist die enorme Heterogenität in der Volksschule Basel-Stadt ein Umstand, der häufig beklagt wird. Forderungen nach mehr Ressourcen und Entlastung stehen oft im Raum. Um den komplexen Herausforderungen in den Klassenräumen adäquat zu begegnen, müssen jedoch andere Wege entwickelt werden. Auf pädagogischer und didaktischer Ebene braucht es Ansätze und Strategien, die die Lehrpersonen stärken, sie in ihrer Selbstwirksamkeit unterstützen und am Ende für die Schülerinnen und Schüler zu ausgeprägteren Lernerfolgen führen. Zudem sollen diese neuen Ansätze direkter spürbar für die pädagogische Praxis werden.

 

Technologiebasierte Ansätze in der Schweiz

  • Das Projekt Bildungslandschaften21 hat zum Ziel, alle Personen und Institutionen, die ein Kind bzw. Jugendlichen erziehen, zu betreuen und zu begleiten. Dabei soll Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) ermöglicht werden. Die bisherigen Erfahrungen wurden in einer so genannten Toolbox festgehalten. Sie stellt konkrete Werkzeuge zur Verfügung, damit das Rad nicht neu erfinden werden muss.
  • Das Projekt BeLEARN erforscht die Auswirkungen der Digitalisierung auf Bildungsverläufe und entwickelt datengestützte Instrumente für schulische Digitalisierungsstrategien. Es untersucht, wie Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) erfolgreich in den Unterricht integriert werden können.
  • Förderndes Qualitätsevaluations-System (FQS): Dieses Qualitätsmanagement-Modell wurde seit 1993 auf Initiative des Dachverbandes Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) entwickelt. Es verknüpft Qualitätssteuerung und -prüfung systematisch mit Schulentwicklung und wird heute von über 100 Schulen in der Schweiz genutzt.

  • Datenkompetenzen von Schulen – Instrument zur Selbsteinschätzung: Die Fachhochschule Graubünden hat ein Selbstevaluationsinstrument entwickelt, mit dem Schulen ihre Kompetenzen im Umgang mit Daten objektiv einschätzen und gezielte Weiterentwicklungsmaßnahmen ergreifen können.

Weiterführende Literatur

Schlussbemerkung

Die Schweiz zeigt eindrucksvoll: Qualitätsentwicklung in Schulen lebt von der Verbindung von klaren Strukturen und individuellem Raum zum Experimentieren. Ansätze wie Q2E, PUQE oder die begleitete Selbstevaluation beweisen, dass Evaluation nicht kontrollieren, sondern gemeinsam lernen lassen kann. Sie rücken die Frage ins Zentrum: Wie gelingt Lernen – für Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und ganze Schulen als lernende Gemeinschaften?

Die Vielfalt der kantonalen Praxis unterstreicht diese Botschaft: Ob im digitalen Monitoring in Aargau, der Selbstevaluation in Luzern oder den datengestützten Förderplänen im Kanton Bern – überall entstehen Lösungen, die vor Ort passen und wirken. Gemeinsam ist ihnen der Mut, Daten nicht nur zu sammeln, sondern sie als Spiegel und Antrieb für Veränderung zu nutzen.

Die Herausforderung bleibt bestehen: Wie schaffen Schulen den Balanceakt zwischen Verbindlichkeit und Freiheit, zwischen System und Einzelner? Die hier vorgestellten Konzepte und Beispiele laden ein, diesen Weg weiterzugehen – mit Neugier, Reflexion und dem Vertrauen, dass Qualität dort entsteht, wo Menschen sich aufeinander einlassen und voneinander lernen.

  1. https://www.q2e.ch/wp-content/uploads/sites/162/2020/05/q2e-heft-3-grundlagen-zum-aufbau-einer-feedbackkultur.pdf[]
  2. https://paedagogik-news.stangl.eu/fuenf-domaenen-der-professionalitaet-von-lehrerinnen[]
  3. https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs35834-019-00243-5[]
  4. https://www.hep-verlag.ch/begleitete-selbstevaluation, S. 11 ff[]
  5. Publikationen_Luuise[]